Kirche

Der Kirchensatz, das heisst die Verfügung über die Pfrund und das Recht zur Einsetzung des Pfarrers, der 1228 urkundlich erstmals aufgeführten Kirche, gehörte von 1334 an Burkhard von Bennewyl.
Ein Teil gelangte später an Petermann von Krauchthal. Hans von Erlach führte 1424 den gesamten Kirchensatz wieder zusammen, der alsdann bis 1530 im Besitze des Geschlechtes von Erlach blieb. Die Hälfte ging dann durch Verkauf an Lucius Tscharner über, konnte aber 1563 von Peterhans von Erlach, der die andere Hälfte geerbt hatte, wieder erstanden werden. 1579 verkauften die Erben des Petermann von Erlach den Kirchsatz für 1000 Sonnenkronen und 20 Kronen Trinkgeld an die Bernische Obrigkeit. Seither ist der Kirchensatz im Besitz des Staates Bern.

Kirche
Kirchdorf galt als eine der einträglichsten Pfarreien. Im Zehntenplan von 1757 ist der umfangreiche Grundbesitz der Pfrund ersichtlich. Danach gehörten in den Ackerzelgen 142 Jucharten oder 9% des gesamten Bodens der Kirche, und der Pfarrer konnte zwei Teile des Zehnten für sich beanspruchen. Dies war wohl der Grund, dass die Kirchdorfer Pfarrstelle vielfach von Geistlichen aus adeligen Geschlechtern besetzt war. Zu erwähnen sind vier Pfarrer aus der Familie Fueter, Johann 1537 – 1564, Jakob 1564 – 1582, Abraham 1622 – 1634 und Johannes 1634 – 1664. Einer von ihnen soll erblindet gewesen sein. Als Unterstützung wurde ihm ein Theologiestudent zur Seite gestellt. Es folgte dann Lutz Emanuel, Prof. der griechischen Sprache von 1664 – 1713. Nach ihm wurde die Stelle aus Mitgliedern der Familien Steiger, von Diesbach, von Graffenried, Bondeli und von Greyerz besetzt. Im 19. Jahrhundert waren es dann drei Pfarrer der Familie Ringier, die das kirchliche Leben prägten, Gottlieb 1827 – 1843, Hieronymus 1843 – 1879 ( Vikar ab 1836 ), Paul Robert ab 1879.

Die Kirchgemeinde musste sich immer wieder mit Bau- und Renovationsarbeiten befassen. So erfolgte im Jahre des Schwabenkrieges -1499 - ein erster Umbau der Kirche, wobei den Kirchdorfern ein „Bettelbrief“ zugestanden wurde. 1679 wurde wohl in Anbetracht der grossen Kirchgemeinde eine bedeutende Vergrösserung vorgenommen. In einem Gutachten war die Obrigkeit auf die Notwendigkeit einer Renovation, namentlich des Chores, hingewiesen worden. Der Kleine Rat von Bern ordnete dann nach einem Augenschein die Projektierung durch den namhaften Baumeister Dünz an. Der Bau wurde durch ein fürchterliches Unwetter, das 1679 die Gegend heimsuchte, erheblich erschwert, und die Obrigkeit sah sich veranlasst, nach langen Verhandlungen in höherem Masse an die Kosten beizutragen  und damit töifer als vorgseh i Sack z‘recke. Zur Einweihung wurde die Kirchgemeinde von zehn Beamten der Regierung mit schönen Glasgemälden beschenkt, u.a. die Standeswappen der vier Venner Fischer, Kirchberger, Willading und von Graffenried, sowie das Wappen der zwei Herren von Erlach und des Deutsch-Säckelmeisters Leonhard Engel Diese Wappenscheiben waren die eigentlichen Prunkstücke der damaligen Kirche.
1541 und 1709 brannte das Pfarrhaus vollständig ab und musste von Grund auf neu gebaut werden.

Das wohl schmerzlichste Ereignis, von dem die Kirche in neuerer Zeit betroffen wurde, war der Kirchenbrand von 1871. Im Zusammenhang mit der anlässlich des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 in den Schweizer Jura abgedrängten und dort internierten Bourbaki-Armee, gelangten am späten Abend des 11. Februars 1871 224 zerlumpte, von Frost, Hunger und Müdigkeit gänzlich ermattete, zum Teil verwundete und erkrankte Soldaten nach Kirchdorf und wurden nach dem damaligen Brauch in der Kirche einquartiert. Und dann geschah in der Nacht vom 26. auf den 27. Februar 1871 jenes furchtbare Unglück, dass der Sohn des Pfarrers und spätere Arzt in Kirchdorf, Dr. Ernst Ringier, als Augenzeuge wie folgt beschreibt: „ Früh um fünf Uhr stürzte die Pfarrhausmagd in mein Zimmer mit dem Angstruf: Um d’s Himmels Wille, Herr Dokter, chömet gschwind, gschwind! D’Chilche brönnt, d’s Füür schlat scho i hälle Flamme zu alle Fänschtere use. Mein Vater und ich waren die ersten auf dem Brandplatz und schlugen Alarm. Bald heulten die Sturmglocken in die Nacht hinaus und ertönten ringsum die Feuerhörner; aber das Innere unserer ehrwürdigen Kirche bildete bereits ein gewaltiges Feuermeer, als die erste Hilfe zur Stelle war. Die von allen Seiten – sogar von Thun – herbeigeeilten Spritzenkorps vermochten das lichterloh brennende Kirchengebäude nicht mehr zu retten, dessen Dachstuhl nach kurzer Zeit mit dumpfem Krach einstürzte. Von der Orgel, der Kanzel, dem Taufstein und der Bestuhlung war sozusagen keine Spur mehr zu entdecken, und in tausend Scherben lagen die kostbaren Chorfenster, die anlässlich der Renovation 1679 gestiftet worden waren, auf dem Boden herum. Schon hatte auch der oberste Teil des Turmes Feuer gefangen; das hölzerne Schirmdach über den Zeittafeln stand in Vollbrand, und aus den Schallöffnungen schlugen bereits vom nahen Glockenstuhl die Flammen heraus. Von Minute zu Minute musste man das Herunterstürzen der schweren Glocken gewärtigen. Endlich drang der Sigrist mit zwei andern beherzten Männern in den Turm bis hoch zu den Glocken hinauf, und mit Hilfe eines mitgenommenen Schlauches gelang es ihren verzweifelten Anstrengungen, das Feuer des Glockenstuhles einzudämmen und so den Turm, wiewohl nicht ohne grosse Beschädigungen, zu erhalten.“

Die sofort eingesetzte Untersuchung ergab, dass die Feuersbrunst auf Unvorsichtigkeit der einquartierten Franzosen zurückzuführen war, die ihre Strohlager, der sehr kalten Nacht wegen, allzu nah an den übermässig geheizten rotglühenden Ofen gerückt hatten, so dass sich das Stroh entzünden konnte. Im Beisein von schweizerischen und französischen Vertretern wurde der Brandschaden auf 72'000 Franken geschätzt und diese Summe von der französischen Regierung anstandslos bezahlt. Sogleich wurde mit dem Bau der neuen Kirche begonnen, die nach den Plänen des Stadtbaumeisters Christen von Burgdorf in neugotischem Stil errichtet wurde und 1874 eingeweiht werden konnte. Leider überstiegen die entstandenen Kosten das Budget bei weitem und beliefen sich auf rund 145'000 Franken. Dieser Mehrbetrag von 73'000 Franken musste die Kirchgemeinde Kirchdorf, abgesehen von einem Staatsbeitrag von 3‘900 Franken, selber bezahlen. Wenn man den damaligen Geldwert berücksichtigt, bedeutete das wirklich ein sehr grosses Opfer für die Bevölkerung. Daraus geht auch hervor, wie grundfalsch alle diejenigen waren, welche landauf und –ab der Meinung lebten, Kirchdorf verdanke seine neue, schöne Kirche ausschliesslich französischem Geld und habe mit dem Kirchenbrand von 1871 ein glänzendes Geschäft gemacht, ohne dabei selbst ein erhebliches Opfer zu bringen. Das Gegenteil ist wahr!

Die heutige Kirchgemeinde Kirchdorf umfasst die Einwohnergemeinden Kirchdorf, Uttigen, Kienersrüti, Jaberg, Noflen, Mühledorf und Gelterfingen. Uttigen hatte früher eine eigene Kirche, eine der berühmten 12 Paradieskirchen rund um den Thunersee. Aus Hass gegen den neuen Glauben wurde diese nach der Reformation angezündet. In der Folge wurde die Kirche nicht wieder aufgebaut und Uttigen erkaufte sich 1579 das Mitbenutzungsrecht in der Kirche Kirchdorf und 1871 auch noch das Miteigentumsrecht. Die Gemeinde Kienersrüti war während Jahrhunderten in Amsoldingern kirchengenössig, bevor sie sich 1703 in Kirchdorf einkaufte. Dafür war Seftigen bis 1664 nach Kirchdorf orientiert. Erst damals beschloss der Kleine Rat in Bern, Seftigen „des näheren Kirchganges wegen“ der Kirche Gurzelen zuzuteilen.

Um die Mitte des letzten Jahrhunderts musste erneut festgestellt werden, dass der bauliche Zustand der Kirche zum Teil bedenklich war. Zudem wirkte der neugotische Baustil unecht und der ländlichen Gegend wenig angepasst. So mussten bei der Renovation 1957/58 der überdimensionierte, kathedralartige Vorbau und die vielen morschen Ziertürmchen auf dem Kirchendach und dem Turm weichen, was der Kirche das heutige, schlichte Gepräge verschaffte.
Im Innenraum wurde das Scheingewölbe abgebrochen und durch eine meisterhaft ausgeführte flache Holzdecke ersetzt, die den Kirchenraum wesentlich vereinfacht und ihm eine ruhige Linienführung verleiht. Durch die weissen Wände und die in einem hellen Ton gehaltenen Bänke und übrigen Holzkonstruktionen konnte die angestrebte Schlichtheit des Gotteshauses auch im Innern realisiert werden.
Infolge der langen Lieferfrist musste die neue Orgel schon sehr früh bestellt und ihre Dimensionen entsprechend der Planauflagen in der alten Kirche berechnet werden. Nach Abbruch des Scheingewölbes stellte sich heraus, dass die Decke 75 cm höher als vorgesehen angebracht werden musste, wollte man nicht eine kostspielige Umdisponierung der Orgel in Kauf nehmen. Mit einer aufwändigen Konstruktion mussten die Dachbalken neu abgestützt werden, ohne dass der Dachstuhl dabei Schaden nahm, und das zugleich dessen Tragfähigkeit gewährleistet blieb.